Gute Vorsätze II – Bloß keine Zeit für mich

Ich bin Mutter von zwei Kleinkindern. Und wie die meisten pflege ich eine große Sehnsucht: Dinge einfach mal ohne Unterbrechung tun zu können. Also so etwas wie: Einen Kaffee trinken, bevor er kalt ist. Einen Gedanken zu Ende denken, ohne das einer dazwischen schreit, alarmierend poltert oder quatscht. Einen Artikel zu lesen, ohne fünfmal neu ansetzen zu müssen. Duschen, ohne das einer die Kabinentür aufreißt. Solche Dinge eben.

Trotzdem gibt es einen dieser Frauenzeitungs-Ratgeber-Begriffe, der bei mir regelmäßig unschöne Zuckungen hervorruft. Er heißt: „Zeit für mich“. Ich kann mir nicht helfen, ich mag diese Redewendung einfach nicht. Irgendetwas daran schmeckt mir nicht.

Für mich klingt das irgendwie nach ranzigem Provinzhotel, wo man früher nur übernachtet hat, wenn man zu Onkel Ernies 60. musste oder dummerweise geschäftlich in der Gegend zu tun hatte, bis jemand den Inhabern eine Saunalandschaft, drei Massageliegen und einen Fitnessraum aufgequatscht hat und jetzt machen die in Wellness.

Oder nach überteuerten Badeölen und Duftkerzen und Mini-Schokoladentäfelchen, mit denen du im Handumdrehen dein eigenes Badezimmer in eine Wellness-Oase verwandeln kannst und dann liegst du da, oh Schaumgekrönte, und stellst fest, dass Du aber leider vergessen hast, den stinkigen Windeleimer vorher rauszutragen.

Oder nach RTLII-Scripted-Reality-Dumpfbacken, die Romantik spielen, mit Candlelight und Rosen und Champagner und so und sich dann wundern, dass der blöde Typ aber halt immer noch trampelt und gar nicht in Zeitlupe auf sie zu geschwebt kommt.

Es hat halt sowas unangenehm konsumistisches (gibt es dieses Wort überhaupt?). Außerdem habe ich festgestellt, dass das Konzept „Zeit für mich“ gefährlich für mich ist. Es führt irgendwie zwangsläufig zu übler Laune. Ein unvorhergesehener Arbeitstermin am Abend? Oh, schon wieder keine Zeit für mich grummel, grummel. Ständig dazwischen springen müssen, weil die Kamikazekids sich sonst die Köpfe einhauen und deshalb den Haushalt nicht erledigt kriegen? Oh, dann muss ich das heute abend machen, schon wieder keine Zeit für mich, grummel, grummel. Dieses ständige „Ich brauche aber auch mal Zeit für mich“ im Hinterkopf führt irgendwie zwangsläufig dazu, alles halbherzig zu erledigen und mit wachsender Gereiztheit die Kinder vor mir her durch den Tag zu schubsen. Und wenn sie dann aus Versehen doch kommt, die berüchtigte Zeit für mich, dann verfalle ich in Schockstarre und bin zu müde etwas anderes damit anzufangen, als dämliche US-Krimiserien anzuschnarchen. Was logischerweise zu noch mehr schlechter Laune führt.

Nee. Ich glaube, dieses ganzes Endlich-Zeit-für-mich-Gemache ist einer dieser beschissenen Marketing-Erfindungen, die Dir Probleme einreden, auf die Du von allein nie gekommen wärst. Wie Cellulite und Lippenfältchen. Brauch ich nich. Ist sowieso alles meine Zeit hier. Der Job, den ich wollte, die Kinder, die ich noch mehr wollte.

Zeit für mich? Pah. Ho‘ scho‘ würde das Kamikazekid2 sagen. So wie, wenn man ihn fragt, ob er eine neue Windel braucht. Nee, ho‘ scho‘ – Habe ich schon. Keine Ahnung, welcher Dialekt das ist und wo er ihn her hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Für die habe ich jetzt keine Zeit mehr.

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Ein Gedanke zu „Gute Vorsätze II – Bloß keine Zeit für mich

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