Baumgarten reloaded

Ja, schon klar, dieser Talkshow-Unfall ist ’ne Woche alt und eigentlich schon durch, aber nachdem ich heute morgen im SZ-Feuilleton (leider nicht online) diesen wunderbar einseitigen Artikel „Spring doch“ von Alexander Gorkow über Katja Riemanns Talkshow-Martyrium und die Folgen gelesen habe, kann ich nicht mehr an mich halten.

Von vorne: Ich stieß bei dem Herrn Niggemeier auf den Gesprächsunfall und erinnerte mich sofort an eine eher uncharmante Begegnung mit dem Herrn Baumgarten –  zu einer Zeit, als er noch Morningman bei Antenne Niedersachsen war und seine Kollegen darüber lästerten, dass er zu jedem Moderatoren-Casting rannte, weil er unbedingt vor die Kamera wollte.

Heute morgen habe ich also den alten Text wieder vorgekramt. Der ist nicht unbedingt super und heute würde ich sowas anders schreiben, aber das verblüffende ist: Der Typ war echt schon immer so ein A…. Eher schlimmer.

Daschauher (Vorsicht länglich):

Der Morning-Man

Morning-Männer sind die neueste und wahrscheinlich übelste Erfindung des Radiozeitalters. […] Man setzt auf „personality“. Diese hier heißt Hinnerk. Auf der Homepage des Senders schaut er aus wie der feuchte Traum einer deutschen Hausfrau: blond, blauäugig, braungebrannt in „Schau mir in die Augen, Kleines“-Pose. Daneben ein Zwölf-Zeilen-Schmachtfetzen in Schulmädchenprosa – „Und ach, dieser Body….“. Am Telefon klingt er genauso aufgedreht wie in der Sendung.

Ich sehe ihm zu, wie er während der Sendung ungefähr zwanzigmal aus dem Studio rennt, Kaffee holen, dies holen, das holen, Hummeln im Hintern. Dafür rennen zur gleichen Zeit zwanzig andere Leute ins Studio rein und wieder raus. Dazwischen quäkt der Techniker über die Lautsprecheranlage: „Ey Alter, dein Head-Set ist kaputt. Du klingst Scheiße, Alter. Noch beschissener als sonst.“ „Komm Du mal rauf hier. Ich steck‘ Dir ’ne Flasche in den Arsch, dann kannst Du hier rumquieken“, röhrt es zurück – der klassische Guten Morgen mit Hineeeeerk Baumgarten-Charme. Der Techniker taucht tatsächlich auf, ohne Flasche, aber mit neuem Head-Set. Das muss er sofort büßen, quiekend schießt eine der Nachrichtentrinen über den Flur: „Jocheeem, wieso kriegt der ein neues Head-Set und ich nicht?“

Heino, der hauseigene Wetterfrosch ist auch da. Morgens gibt es schlechte Nachrichten noch live. Heino sieht aus wie ein Biobauer, verqualmt aber innerhalb kürzester Zeit eine ganze Tabakplantage. Beim Sprechen reißt er die Augen weit auf und hackt mit der Handkante die Betonungen in die Luft. Hinter ihm stehen sich der Tagesproducer und der Moderator der nächsten Sendung auf den Füßen rum. Die Ablösung will angekündigt sein. Routinierter Schlagabtausch zwischen den beiden Moderatoren, dann die Sensation der nächsten Stunde: Deutschlandpremiere von Geri Halliwells „Look at me“. „Das ist die fette Rothaarige von den Spice-Girls“, erklärt Stephan, der Tagesproducer noch hastig, „und pass auf, dass Du den Titel nicht zu früh anspielst, Punkt neun, Big Gema is watching you.“

Die Show is over. Mr. Nenn-mich-Hinnerk stiefelt erstmal zur Redaktionskonferenz, nicht ohne mir ein freundliches „Kannst ruhig ’nen Kaffee kochen“ zu zuraunen. Ich ziehe es vor, die obligatorische Pinnwand neben seinem Schreibtisch anzustarren. Die Pinnwand: Hinnerk mit Pamela-Anderson-Double, Hinnerk mit Helmut Schmidt, Hinnerk besoffen auf der Weihnachtsfeier, Hinnerk zum Ausschnippeln aus dem Anzeigenblatt, Fanpost für Hinnerk, „Hinnerk, Du bist der Größte“-Fax. Die wichtigsten Sprüche Dr. Hinnerk Baumgartens für die Morningshow: Arsch lecken zwei fuffzig, zum Beispiel. Auf dem Foto mit Helmut Schmidt sieht er aus wie ein zu groß geratener Konfirmand, der Anzug muss wohl geliehen sein. Und die scheußliche gelbe Krawatte hat ihm die Verkäuferin sicher mit dem Argument aufgeschwatzt, sie harmoniere mit seinen blonden Haaren.

Während unseres Interviews sitzt er nicht eine Minute lang still. Zappelt auf dem Stuhl herum, dreht ein kleines Kartenspiel in den Händen,, rappelt seinen Lebenslauf herunter. Ich wollte schon immer…., Praktika, freier Mitarbeiter, Volontariat, Studium geschmissen. Dann setzt man ihn als personalisierte Verjüngungskur in den Morgenstunden ein, der ältere Achim Wiese muss in den späteren Vormittag weichen. Kein Streß? Nein, nein, alles Teamwork, eine große Familie hier. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, wo er denn wohl in zehn Jahren sein wird. Zum ersten Mal zögert er mit der Antwort. „Fernsehen“, sagt er dann, „Gottschalk ablösen.“ Klar, denke ich, Pamela Anderson in den Ausschnitt fallen und zotige Witzchen erzählen. „Noch Fragen?“ Nö.

(zuerst erschienen im Welfengarten – Jahrbuch für Essayismus. Nr. 10 / 2000. Hrsg. v. L. Kreutzer und J. Peters, Revonnah Verlag, Hannover.)

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