Hat Ihnen schon jemand die Kantine gezeigt?

Immer wenn mich – wie jetzt gerade – in einer neuen Arbeitsumgebung wiederfinde, muss ich an meine liebe Ex-Kollegin Nancy denken. Nancy, gebürtige Amerikanerin, konnte sich stundenlang darüber aufregen, dass Deutsche viel ineffizienter seien, als sie es sich je hätte träumen lassen. Weil es in diesem Land nämlich keine brauchbare Kultur des „training on the job“ gäbe. Etliche Semesterferien als Zeitarbeiterin haben mir gezeigt, dass sie recht hat. Der erste Tag in einem durchschnittlichen deutschen Unternehmen sieht etwa so aus.

„Guten Tag, meine Name ist XX von der Firma XX, ich soll mich hier bei Herrn MüllerMeierSchulze melden.“

„Ist nicht da/in einer Besprechung.“

„Gut, dann warte ich hier.“ (Ich werde ja nach Stunden bezahlt.)

Irgendwann kommt MüllerMeierSchulze. Guckt abschätzig. „Ach, das war heute?“

„…“

„Tja. Weiß ich jetzt auch nicht. Hab gar keinen Platz für Sie. Ach, warten Sie, Sie können sich erstmal da hinsetzen. Der Kollege hat Magen-Darm, der kommt diese Woche bestimmt nicht mehr.“

An den zugemüllten Schreibtisch setzen. Krempel des Kollegen vorsichtig beiseite schieben. Rechner hochfahren. „Wie soll ich mich einloggen?“

MüllerMeierSchulze erstarrt. „Ach so. Da müssen wir ja erstmal ein Passwort beantragen. Ich rufe mal die IT an.“ Wählt eine interne Nummer.

„Besetzt. Tja. Da kann ich jetzt auch nichts machen. Hat Ihnen schon jemand die Kantine gezeigt? Nicht? Inge, mach Du das mal. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr für sowas.“

Den Rest des Tages verbringt man dann in der Regel damit, herauszufinden, worin eigentlich der Arbeitsauftrag besteht, die dazu nötigen Kenntnisse aus unwirschen Kollegen herauszukitzeln und ihnen dabei immer wieder zu signalisieren, dass man selbstverständlich merkt, dass sie eigentlich unheimlich beschäftigt sind und einem hier gerade einen Riesengefallen tun.

Ein einziges, total unrepräsentatives Mal habe ich für eine amerikanische Firma gearbeitet. Da lief das so:

Eine Woche vorher kommt per Post eine Firmenbroschüre, eine Auftragsbeschreibung und eine Liste mit Unternehmensregeln inklusive Hinweise zum Dresscode. OK, es war auch eine selten dämlich Sicherheitsabfrage dabei, in der u.a. gefragt wurde, wie viele Leute man kenne, die freitags eine Moschee aufsuchen und ob jemand davon zufällig Bin Laden mit Nachnamen heißt. Aber die Amis fragen bei der Einreise ja auch, ob man vorhabe, terroristische Attentate auf ihren Präsidenten zu verüben.

Am ersten Tag holt mich jemand vom Empfang ab, führt mich durchs Haus und dann zu einem aufgeräumten, sauberen Schreibtisch. In der transparenten Schreibtischunterlagen liegen eine Kurzanweisung zu Bedienung der Telefonanlage, eine interne Telefonliste, die sogar aktuell ist und ein Klebezettel mit Nutzernamen und Passwort. Neben dem Monitor steht ein Ordner mit Guidelines zu geschäftlichen Vorgängen und die Handbücher der drei am meisten genutzten Programme. In einem Ablagekasten daneben liegen zu bearbeitende Fälle mit wachsendem Komplexitätsgrad, die die freundliche Mitarbeiterin, die sich den ganzen Tag nur um mich kümmert, einen nach dem anderen mit mir durchgeht. Ab dem nächsten Tag darf ich allein weiterarbeiten und sie schaut nur ab und zu vorbei, um zu fragen, ob ich klar komme. Leider endet der Auftrag eine Woche vorher als geplant, weil ich mit den Sachen zu schnell durch war.

Und die Moral von der Geschicht‘? Das Hire and Fire-Prinzip muss ich nicht unbedingt haben, aber so ein klitzekleines bisschen von diesem ganz pragmatischen Dies-und-Das erwarten wir von Dir und Das-und-dies tun wir, um Dich in den Stand zu versetzen, diese Erwartungen auch zu erfüllen – das wäre schon nett. Dabei geht es nicht nur um holprigen Einarbeitungsphasen – ich denke, das Ganze ist symptomatisch. Deutsche Arbeitgeber, deutsche Arbeitsstrukturen verabscheuen die Neuen wie das Neue, weil es den Betriebsablauf so furchtbar stört. Schon bei der Bewerberauswahl bevorzugt man Leute, die den gleichen Job vorher woanders gemacht haben. Quereinsteiger? Wiedereinsteiger nach der Familienphase? Igitt. Die muss man ja einarbeiten. Das schränkt die Auswahl ziemlich ein. Und hat am Ende ähnliche Folgen wie Inszest: Betriebsblindheit als Erbkrankheit.

Das Problem ist doch: Wie bringt man Leute dazu, auf Kommando kreativ und innovativ zu sein, wenn jede Abweichung vom Standardprogramm als unangenehm und unbedingt zu vermeiden wahrgenommen wird?

Advertisements

4 Gedanken zu „Hat Ihnen schon jemand die Kantine gezeigt?

  1. Pingback: Der Wirtschaftsteil | GLS Bank-Blog: Geld ist für die Menschen da!

  2. Pingback: #7: Blogwoche | Bloggen. Leben. Nähen.

  3. Pingback: Gute Sehkraft, neue Leute, alte Medien, freie Wahl, verhasste Werbung, verdächtige Gegenstände – 1ppm von Johannes Mirus

  4. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s