HSP? Geh‘ bloß weg.

Wir saßen uns bei einem Kaffee gegenüber. Plötzlich senkt die liebe Kollegin ihre Stimme und raunt mir zu: Ich habe da jetzt so einen Test gemacht. Ich glaube, ich bin HSP. Solltest Du auch mal machen, ich wette, Du bist auch so ein Fall.

Ich muss mich sehr anstrengen, jetzt ruhig und freundlich zu bleiben. Wenn mich jemand als Fall bezeichnet, stellen sich mir schon die Nackenhaare auf.

HSP. Kennen Sie nicht? Eine etwas neuere Modediagnose, sozusagen das Gegenstück zu ADHS. Bedeutet Hochsensible Personen. Näheres findet sich zum Beispiel unter www.zartbesaitet.net, inklusive einem Online-Test, der vermutlich 80 Prozent der Menschheit zu Hochsensiblen stempelt.

Hübsch nicht? Eigentlich doch ein Kompliment?

Dann versuchen Sie jetzt mal mit mir gemeinsam zu verstehen, warum ich mich das trotzdem so aufregt. In meiner Kindheit gab es auch schon Wörter für Leute, die so sind wie ich. „Sensibelchen“ war die freundliche Variante, die die meine Mutter und meine Oma gebrauchten. Bei anderen hieß das Mimose, Heulsuse, Angsthase, Schisser.

Klingt HSP da nicht viel besser?

Für mich nicht. Für mich ist das bloß ein weiteres Etikett, ein Stempel, eine Schublade. Und das regt mich auf. Ich empfinde das als Beleidigung. Ich möchte bitte, dass Menschen, die mit mir zu tun haben, so höflich sind, zumindest so zu tun als sähen sie sich einer komplexen Persönlichkeit, einem einzigartigen Individuum, einem komplizierten Charakter gegenüber – und nicht einem Typus, einer Rolle, einer Maske, einer Schießbudenfigur.

Andersherum halte ich es für eines der wesentlichen Merkmale von Erwachsensein, dass man eine ungefähre Vorstellung der eigenen Stärken und Schwächen entwickelt und sich dann bemüht, sein Leben so zu gestalten, dass es halbwegs dazu passt. Dazu gehört allerdings – entschuldigen Sie den unsensiblen Ausdruck – dass man dann auch den Arsch in der Hose hat zu sagen: „Ich mag das nicht und darum mache ich das nicht mit.“ Statt sich hinter einer Pseudo-Diagnose zu verstecken wie hinter einem Schutzschild.

Ehrlich gesagt, kotzt mich dieser ganze Diagnosewahn, diese Unsitte jedes auch nur minimal abweichende, vermeintlich auffällige Verhalten zu pathologisieren unfassbar an. Was soll das werden? Werden hier unter der Hand Kategorisierungen, Klassifizierungen, DIN-Normen für die menschliche Seele entwickelt? Schreibt da demnächst mal jemand einen Algorithmus zu, der Dir dann sagt, für welche Wirtschaftsbereiche Du überhaupt noch sinnvoll einsetzbar bist und wie es um Deine Zuverlässigkeit als Staatsbürger und Sozialkontakt steht? Oder geht es bloß darum, lächerliche Vorurteile ins pseudomedizinische, wissenschaftliche zu übersetzen, damit man sie weiter vor sich hertragen kann, ohne primitiv auszusehen?

Bleibt mir bloß vom Hals mit euren Etiketten.

Ich schätze diese liebe Kollegin übrigens ansonsten sehr. Sie ist klug, witzig, belesen und eine große Genießerin. Nur an ihrer internetgestützten Selbstdiagnose habe ich so meine Zweifel. Sie erscheint mir unangenehm selbstbeweihräuchernd. Denn ehrlich gesagt, beschränkt sich ihre Hochsensibilität –  meiner Wahrnehmung nach –  vor allem auf Dinge, die sie selbst betreffen. Da registriert sie jeden verrutschten Tonfall, jede mißratene flapsige Bemerkung, jede hochgezogene Augenbraue und gerunzelte Stirn. Von sich anbahnenden Konflikten oder auch Liebesbeziehungen, die sie nicht betreffen, ahnt sie allerdings immer als letzte irgendetwas. Dazu ist sie wohl zu beschäftigt mit den eigenen Befindlichkeiten.

(Rant Ende)

Nachtrag:

Einen ganz wundervollen Beitrag zu diesem Thema gibt es auch bei Frau…äh… Mutti http://www.frau-mutti.de/eintrag/18202.html. Sie hat sich den entsprechenden Test der Zeitung „Eltern“ mal vorgeknöpft.

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3 Gedanken zu „HSP? Geh‘ bloß weg.

  1. Hochsensibel, hochbegabt… – hoch die Tassen! Heutzutage kann sich jeder durch Selbsttests die „Störung“ andichten, die zum Image passt. Schließlich ist ja nahezu jeder auch „total verrückt drauf“. Danke für den guten Artikel!

  2. Pingback: Woanders – diesmal mit Kiezschulen, dunkler Haut, alten Menschen und anderem | Herzdamengeschichten

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