Das Experiment oder Was meine Kinder spielen, wenn man sie lässt

Es ist schon ein Weilchen her, beschäftigt mich aber sehr, also muss ich es wohl mal verbloggen. Ein Protokoll in drei Teilen.

Teil 1: Die gesellschaftliche und familiäre Ausgangslage.
Der Frühförderwahn kommt an sein Ende, Gegenstimmen werden lauter. Auf „das sind alles kleine Einsteins, man muss die Gehirne nur richtig füttern“ folgt völlig logisch „nun lasst doch mal die Kinder in Ruhe“. Hört auf, sie dauernd zu beschäftigen und zu animieren, die müssen sich auch mal langweilen und selbst beschäftigen, heißt es.

Meiner Beobachtung nach folgen diese Erziehungsmoden einer Art Pendelbewegung. Autoritär – Antiautoritär – Kinder brauchen Grenzen, Sie wissen schon. Die Wahrheit liegt vermutlich (wie immer) irgendwo in der Mitte, aber finden Sie die mal, in dem Chaos. Ich vermute, sie ist irgendwo da, wo einem das Pendel abwechselnd von beiden Seiten gegen den Kopf schlägt.

Der aktuelle Trend kommt mir jedenfalls sehr gelegen. Kein schlechtes Gewissen mehr, weil wir hier einfach so zuhause sind und rumhängen, statt Qualitätszeit mit pädagogisch sinnvollen Beschäftigungen zu füllen. Dazu kommt: Trotz des milden Winters ist dauernd einer krank und schreit „Home office!“. Das ist nun echt das Gegenteil von Qualitätszeit, das ist Zerissenheit im Quadrat, weil man weder dem Job noch den Kindern gerecht wird.

An einem dieser grauseligen Tage – die Kinder sind zu krank für die Kita, aber zu fit, als dass man sie vor dem Fernseher auf dem Sofa parken könnte, auf dem Firmenlaptop lauert eine langweilige, hirnlose Routinearbeit auf dringendeste Erledigung – also an einem dieser Art von Tagen, beschließe ich, in die Vollen zu gehen: Heute lässt du die einfach mal machen, denke ich. Tust so, als wärst du ein Mann, klinkst dich aus, arbeitest stumpf vor dich hin, blendest alles andere aus. Prima Plan.

„Jungs“, sage ich beim rituellen Morgenappell vulgo Frühstück, „ihr bleibt heute noch zuhause. Aber: Ihr müsst alleine spielen. Mama muss arbeiten, bitte lasst mich in Ruhe und stört mich nur, wenn es ein Notfall ist.“ Sie tauschen einen dieser Brüderblicke, der mich schon ausschließt. „Alles klar“, sagt der Große. „Oben oder unten?“ will der Kleine wissen. Soll heißen: Verwüsten wir Kinderzimmer/Badezimmer/Schlafzimmer im ersten Stock oder Wohnzimmer/Küche/Flur im Erdgeschoss? „Mir egal“, sage ich. „Ihr dürft spielen, wo ihr wollt.“

Und das war der erste Fehler.

Aber nicht der letzte.

Fortsetzung folgt.

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3 Gedanken zu „Das Experiment oder Was meine Kinder spielen, wenn man sie lässt

  1. Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung. Bei unserer siebenjährigen Tochter hält sich die Verwüstung erfahrungsgemäß in Grenzen. Es wandern lediglich nach und nach sämtliche Spiel-,Mal- und Bastelsachen vom Kinder- ins Wohnzimmer. Leider nicht selbstständig wieder zurück…

    • Oh ja, das kennen wir auch. Fällt bei uns allerdings in die Kategorie: Och, heute ging’s ja… Was das Zurückwandern angeht: Wir haben es erst mit komm-das-machen-wir-jetzt-ganz-spielerisch-zusammen versucht. Erfolglos. Dann mit festen Aufräumzeiten (getreu dem Motto: Rituale helfen und minimieren Trotzgeheul und Endlos-Diskussionen). War auch nix. Mittlerweile greifen wir einfach zu nackter Erpressung: Der Fernseher wird nicht angemacht, bevor hier aufgeräumt ist. Damit gewinnen wir zwar keinen Pädagogik-Preis, aber immerhin ein begehbares Wohnzimmer.

  2. Pingback: Das Experiment, Teil 2 | mennory

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