Das Experiment, Teil 2

Zum 1. Teil bitte hier entlang.

Und so ging es weiter:

9.10 Uhr: Ich fahre den Rechner hoch. 41 E-Mails. 32 Bilddateien und 33 Texte plus Infokästen warten auf Bearbeitung. Fix nach Dringlichkeit sortieren, to-do-Liste erstellen, stumpf durcharbeiten. Go.

Das Spiel der Wahl heißt Geo-Leopard. Das ist ein Fantasietier, das Kamikazekid1 erfunden hat. Erwachsene verblüfft er gern mit lexikonartigen Vorträgen darüber („Der ist ein Allesfresser, also auch Fleischfresser. Er kann zwanzig Minuten tauchen. Und fünfzig Kilometer schnell rennen. Er hat Flughäute…). Wenn ich das richtig verstanden habe, lebt das Vieh eigentlich im Dschungel und klettert auf Bäume. Hier bei uns wohnt er aber in einer Höhle. Die muss unbedingt aus Sofakissen gebaut werden. Wir haben nämlich so eine Sofalandschaft mit dicken Kissen als Rückenlehnen. Seit wir Kinder haben, liegen diese Kissen nur noch sehr selten an ihrem angestammten Platz. Erst dienten sie dazu, einen Säugling am herunterkullern zu hindern. Dann als Reittier, Boot, Schlitten oder Wurfgeschoss. Jetzt als Höhlenbaumaterial. Damit Sie sich das besser vorstellen können:

dieSofahöhle

So nämlich. Der Höhlenbau beschäftigt meine beiden Geo-Leoparden satte 23 Minuten lang. Das reicht um den Posteingang durchzusortieren und die ersten drei Mails zu beantworten. Geht doch, denke ich. Mein Schreibtisch steht zwar im selben Zimmer, aber ich lasse mich fast gar nicht ablenken.

Dann gibt es das erste Mißverständnis in der Geo-Leoparden-Kommunikation. Offenbar hat der Baby Geo-Leopard (Kamikazekid2) die komplexe Architektur des Höhlensystems nicht verstanden und den falschen Eingang gewählt. Ein schrilles „Neeeeinnn. Doch nicht so“ vom Papa Geo-Leopard (Kamikazekid1). Baby Geo-Leopard versucht sich hartnäckig weiter am falschen Eingang.“Nein! Nein! Nein! Nicht so!“

Die Glucke in mir weiß, was jetzt kommt und zuckt. Nein, befehle ich mir. Heute nicht. Du arbeitest jetzt. Du springst nicht dazwischen. Sollen die das doch selber regeln.

Papa Geo-Leopard schlägt erst, kratzt dann und zerrt das unwillige Jungtier schließlich an Haaren und Kragen zurück. Das Junge lässt ein markerschütterndes Geheul ertönen. Und wirft einen fassungslosen Blick in meine Richtung. Papa Geo-Leopard lenkt erschrocken ein und wirft eilig mit Entschuldigung! Entschuldigung! um sich. Das Geo-Leoparden-Baby denkt nicht daran, deshalb sein Geheul einzustellen, im Gegenteil. Es guckt noch einmal zu mir, wirft den Kopf in den Nacken und legt fünf Dezibel drauf. Papa Geo-Leopard reißt ihn am rechten Ohr zu sich und brüllt „ENT-SCHUL-DI-GUNG!!!“ hinein. „Ich wollte doch nur sagen, Du musst da lang, Baby, da lang“, versucht er es dann überraschenderweise mit sanften Tönen und streicht dem Bruder über den Rücken. „Da, siehst du? Komm schon.“ Das Baby jault noch einmal auf. Guckt wieder zu mir. Sieht, das ich weiter auf den Bildschirm starre. Zuckt die Achsel und sagt mit ganz normaler Stimme: „Na duuut.“ Und kriecht in die Höhle.

Ich atme endlich aus, versuche die Schultern wieder locker zu lassen und mache mich an die Beantwortung der nächsten E-Mail. Noch 37 E-Mails, 32 Bilddateien und 33 Texte plus Infokästen für die verdammte Beilage. Aber es ist ja auch erst 10 Uhr.

Fortsetzung folgt.

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