Ostfrauen

Das ist es wieder, dieses Ossi-Wessi-Ding. Vor der Wahl, nach der Wahl, zum Tag der Einheit sowieso. Als ich einem Kollegen sage, dass mir ein bisschen unbehaglich wird, bei all diesen Westreportern, die da plötzlich ausschwärmen und bei ihren pseudo-ethnologischen Erkundungen immer nur die halbe Wahrheit einsammeln, sagt der: Ja, aber wie denn sonst? Wie viele Ossis kennst du denn?

Ich stutze einen Moment, zähle im Geiste nach und stelle fest: Unter den Freundinnen, die mir die liebsten sind, findet sich eine erstaunlich hohe Quote an Ostfrauen. Das ist natürlich eine total unrepräsentative Auswahl, so groß ist mein Freundeskreis ja nicht. Es sind auch total unterschiedliche Frauen, deren einzige Gemeinsamkeit auf den ersten Blick ist, das sie halt irgendwann in den Westen gegangen sind.

Aber wenn ich weiter darüber nachdenke, was sie wohlmöglich noch gemeinsam haben und warum ich so gut mit denen kann, fällt mir auf: Sie kommen mir tatkräftiger vor. Als hätten sie eine grundsätzlich höhere Bereitschaft dem Leben ein bisschen Glück abzutrotzen, weil sie sich die naive Auffassung, dass hier schon jeder kriegt, was er verdient, vor langer Zeit abgeschminkt haben.

Sie sind ein bisschen wie Aschenputtel. Wenn sie auf den verdammten Ball gehen wollen, dann gehen die auf den verdammten Ball. Und wenn sie sich das Kleid selber nähen müssen. Und vorher haben sie noch die ganze Arbeit wegerledigt, weiß der Kuckuck (oder die Tauben) wie.

Als verwöhnte, verweichlichte Westfrau bin ich ja eher zur Prinzessin auf der Erbse erzogen. Huch, das ist jetzt alles nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Mimimi. Hader, nörgel, zweifel. Wer haftet denn da jetzt? Wer hat Schuld? Hallooo? Hersteller-Garantie? Versicherungsleistung? Vater Staat?

Wenn ich eine ordentliche Ostfrau wäre, denke ich, hätte ich jetzt schon den Matratzenstapel umgeschichtet, die Erbse gefunden und eingekocht, gegen irgendwas getauscht und säße mit dem Prinzen beim Frühstück.

Aber wie gesagt, total unrepräsentativ das. Und trotzdem: Chapeau, mesdames. Ich wünsche euch einen schönen Feiertag. Was auch immer es da zu feiern gibt.

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Schlechte Eltern

Ich musste an die M. denken, mit ihren drei Kindern. Sie arbeitete im Supermarkt. Früh- und Mittelschicht. Wenn sie Frühschicht hatte, musste sie um 6 Uhr los, Waren einräumen, Teiglinge in den Ofen schieben, solche Sachen. Damit alles bereit war, wenn um 7 Uhr geöffnet wurde. Bevor sie ging, weckte sie den Großen, der musste dann dafür sorgen, dass das Grundschulkind rechtzeitig an der Bushaltestelle stand und alles dabei hatte, den Kleinen in die Kita bringen, die erst um 7.30 Uhr aufmachte und mit dem Fahrrad zum Berufskolleg fahren. Wenigstens war sie dann mittags da. Wenn sie Mittelschicht hatte nicht, dann holte der Große den Kleinen aus der Kita, sammelte den Mittleren an der Haltestelle ein und machte das Essen warm. Natürlich bedeutete das, dass sie mindestens eine Mahlzeit vor dem Fernseher einnahmen – entweder morgens oder mittags. Sie hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Aber noch mehr Angst hatte sie davor, was die Jungs allein in der Wohnung anrichten würden, wenn sie nicht fernsahen. Und sie musste ja dankbar sein, dass man sie wenigstens nicht zwang, Spätschicht zu arbeiten, bis 22 Uhr. Denn das hatte sie sich geschworen: Nachts alleine sein oder auch nur alleine einschlafen müssen, das sollten ihre Kinder nicht. Sie hatte das als Kind immer so gruselig gefunden.

Oder die V., Teenie-Mutter, beschissene Kindheit im Nacken und von rührender Entschlossenheit alles besser zu machen. Sie war auch mal mit dem Kleinen im Museum gewesen. Sie hatte sogar die Kleine von nebenan mitgenommen. Die Straßenbahnfahrt und der Eintritt kosteten natürlich ziemlich viel Geld, sie würde das woanders wieder einsparen müssen, aber das ging schon irgendwie. Für einen Imbiss oder ein Andenken aus dem Museumsshop reichte es dann nicht mehr, aber ihr Kleiner verstand den Satz „dafür hat Mama kein Geld“ schon ganz gut, Chantal hatte mehr Theater gemacht. Es hatte sich aus anderen Gründen komisch angefühlt da zu sein. Gleich am Anfang hatte eine dieser Wärterinnen oder wie die hießen, sie angemacht, weil sie es versäumt hatte, die Jacken und Taschen einzuschließen. Sie hatte sich über den unverschämten Tonfall geärgert, aber nichts sagen können. Sie hatte das Gefühl, dass die anderen Mütter sie abschätzig ansahen. Wahrscheinlich sahen die sofort, dass die Kinder Kik-Klamotten trugen. Sie waren ja auch so aufgeregt und natürlich viel zu laut. Wenn sie etwas fragten, versuchte V. die Schilder zu entziffern, sie las langsam und stockend und verstand selbst nicht alles, murmelte möglichst leise Erklärungen, um sich nicht zu blamieren. Die Mütter mit den schicken Kindern waren ganz anders. Die hatten Tupperdosen und Reiswaffeln und wiederholten laut, was ihre Kinder sagten. Die wussten auch schon viel mehr. Waren bestimmt nicht zum ersten Mal da. Und benahmen sich als gehörten sie da hin. V. hatte ganz und gar nicht das Gefühl dahin zu gehören. Man braucht auch echt kein Abitur um die Blicke zu verstehen, die sie ihr zuwarfen als sie Chantal und Justin zu sich rief. Es war genauso wie mit der selbstgemachten Pizza und den Brettspielen und all diesen anderen Dingen, zu denen sie die Familienhelferin ermuntert hatte. Alles fühlte sich seltsam an. Eckig und krampfig. Und wen der Kleine sich darauf nicht einlassen mochte und überhaupt nicht so reagierte wie vorgesehen, ließ sie diese Dinge auch schnell wieder sein und dachte bei sich: „Wir sind halt nicht so“ oder „mit meinem Kind geht das nicht“. Dieses Museumsding kam für sie gleich nach Zahnarzt, aber sie war stolz das gemacht zu haben.

Und dann die C.s. Die sich immer so viel Mühe gaben, ihre Schichtpläne aufeinander abzustimmen, damit immer einer bei den Kindern sein konnte. Weil der Onkel auch noch da wohnte und auch Schicht arbeitete, bedeutete das allerdings auch, das immer irgendeiner da war, der gerade schlafen musste. Die Wohnung war klein, kaum Platz zum Ausweichen, also mussten die Kinder leise spielen. Auf den Spielplatz ließ die Mama sie ungern, da hingen immer irgendwelche Jugendlichen rum, tranken Bier und rauchten. Weg konnte sie mit ihnen auch nicht, sie musste schließlich noch den Haushalt machen. Und den ewigen Krieg um die Hausaufgaben führen. Mit allen Mitteln: Vorträge halten, jammern, schreien, drohen. Nicht das sie irgendetwas verstand, von dem was die Kinder da taten. Sie war in der Türkei nur vier Jahre zur Schule gegangen. Sie wusste nur: Das war wichtig. Was sie ihren Kindern so ganz nebenbei allerdings auch beibrachte war: Das Hausaufgaben scheiße sind und Lernen keinen Spaß macht. Sie würden damit aufhören, sobald sie alt genug waren, die Schule zu verlassen.

Und dann war da noch etwas anderes, in diesen Familien. Nicht immer, aber oft. Eine seltsame Art von Sprachlosigkeit, sobald es um sie selbst ging. Eskimos, sagt man, haben x Wörter für Schnee. Das ist wohl ein Mythos, kommt uns aber plausibel vor, weil für Dinge, die im eigenen Leben wichtig sind, hat man eben auch mehr Ausdrücke. Mir scheint das andersherum genauso. Es gibt Familien, die sind es – oft seit mehr als einer Generation – gewöhnt, dass ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche sowieso keine Geige spielen. Irgendwann haben sie kaum noch eine Sprache dafür. Wer aber seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche nicht ausdrücken kann, der hat auch Schwierigkeiten sie bei anderen zu sehen, zu besprechen und einzusortieren – selbst bei den eigenen Kindern. Und weil sich in solchen Familien die Katastrophen immer knubbeln und sammeln (Arbeitslosigkeit, Trennungen, schwere Krankheiten, Unfälle, you name it), entwickeln sie eine seltsame Haltung, so ein nimm-was-de-kriegst, bevor der nächste Nackenschlag kommt oder der nächste Knüppel zwischen die Beine. Es gibt da nicht so furchtbar viel Zuversicht. Und auch kein großes Vertrauen in sich oder die eigenen Fähigkeiten.

Und dann kommt so jemand aus einer privilegierten Mittelschichtsexistenz und sagt: Ihr müsst euch halt einfach mal mehr Mühe geben. Mal den Fernseher ausmachen. Ein Dinkelbrot backen. Mehr mit euren Kindern reden. Pardon, Melancholie Modeste, ich schätze ihren Blog sonst sehr, aber das fand ich schwer daneben.

Ja, aber …. (Integration, Nachtrag)

Alles gar nicht vergleichbar, sagen viele. Syrer sind doch keine Italiener. Und dies hier nicht die 60er. Nun ja. Sicher sind die Bedingungen heute andere. Es gibt aber trotzdem ein paar Lektionen aus der Geschichte, die man vielleicht berücksichtigen sollte, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, wie Integration heute gelingen kann (also, wenn man denn ein Interesse daran hat, darüber nachzudenken – wenn nicht, ist eh wurscht).

Warnen möchte ich vor allem vor dem leichtfertigen Hantieren mit kulturellen Differenzen. Es gibt eine sehr schöne Studie von Doug Saunders (Mythos Überfremdung – der deutsche Untertitel ist leider blöd), in der er sehr eindrücklich zeigt, wie dieselben Argumentationsmuster immer wieder auftauchen.

Sie lauten etwa: Diese Einwanderer sind ganz anders als die vorherigen. Sie sind zu fremd, zu andersartig, nicht integrierbar. Ihre Loyalität gilt ihrer primitiven, abergläubischen Religion und nicht dem Staat und der Gesellschaft, die sie aufgenommen haben. Und diese Geburtenraten… Sie werden uns alle überrollen, bald stellen sie die Mehrheit.

Das hat man in den 1840er-Jahren über die irischen Einwanderer in England gesagt und erst recht über die osteuropäischen Juden, die zwischen 1870 und 1945 nach Westeuropa und in die USA emigrierten. Das Spiel wiederholte sich, als in den 1950er Jahren die Quote der katholischen Einwanderer (meist Iren und Italiener) in den USA stieg. Heute sagt man das über Muslime.

Es ist wirklich verblüffend, wenn man sich einmal anschaut wie sich die Debatten ähneln (bis hin zu den amerikanischen Feministinnen, die in den Katholiken eine Bedrohung ihrer emanzipatorischen Fortschritte witterten). Die Einwanderergruppen mögen sich unterscheiden, die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft nicht.

Die Muslime, die ich im Laufe des vergangenen Jahres kennengelernt habe, wollen nichts anderes als alle anderen Einwanderer vor ihnen: In Ruhe und Frieden ihr Leben leben. Sich einrichten, den Lebensunterhalt verdienen, Kinder großziehen.

Die entscheidende Frage wird also sein, ob die Integration über den Arbeitsmarkt gelingt. Über Industriejobs wie in den 60er und 70er Jahren wird das wohl kaum gehen. Der Dienstleistungs- und Gesundheitssektor hätten in meinen Augen noch erheblich Luft nach oben – aber natürlich haben wir hier das Problem, dass diese Bereiche in den letzten Jahren vor allem durch die Schaffung prekärer Arbeitsverhältnisse geglänzt haben. Fatal wäre es jedenfalls, wenn wir diese Menschen langfristig zu Hilfeempfängern degradieren würden. Dann ginge uns all das verloren, was sie mitbringen: die Energie, die Beharrlichkeit, das Improvisationstalent, das Gespür für Lücken und Nischen, die wir nicht einmal mehr sehen.Und dann wäre die Gefahr tatsächlich groß, dass sie sich nach anderen Quellen umschauen, die ihnen Halt, Identität, Stolz und Anerkennung bieten.

Mein Traum wäre ja, dass es diesen Einwanderern gelingt, die verkrusteten Strukturen ein klein wenig aufzuweichen: den Mangel an Mobilität zwischen verschiedenen Berufen, die Fixierung auf formale Qualifikationen statt einfach mal zu schauen, was einer kann, die endlos langen Ausbildungswege, der Mangel an Mut zum Unternehmertum (und sei es nur Kleinunternehmertum), der bürokratische Rigorismus. Ich wünschte wirklich, sie könnten hier so wirksam werden, wie die anderen Südländer vor ihnen, es in puncto Esskultur, Lockerheit, Lebensgenuß waren. Aber ich bin auch skeptisch. Es wird nicht leicht.

 

Wie Integration in Wirklichkeit funktioniert

Ich genieße ja schon länger das Privileg, meiner angeheirateten italienischen Sippschaft beim Leben zu zuschauen. Im Studium (lang ist’s her) habe ich mich auch mal wissenschaftlich mit dem Thema Einwanderung beschäftigt. Es gibt deshalb ein paar Dinge in den aktuellen Integrationsdebatten, die mir Kopfschütteln bis zur Nackenstarre verursachen. Ein Blick zurück.

Als die ersten als Gastarbeiter (lauter alleinreisende Männer) hier ankamen, sperrte man sie in Arbeiterwohnheime, die fatale Ähnlichkeit mit Arbeitslagern hatten (und es manchmal auch gewesen waren, nur notdürftig umgebaut und aufmöbliert). Es gab immer mal wieder Debatten um Ausgehzeiten, man fürchtete um das Wohl der deutschen Frauen und Mädchen, wenn diese glutäugigen Lustmolche frei herumliefen.

Als später die Familien nachkamen, hielt man es für eine clevere Idee, sie in Sozialwohnungen in Hochhaussiedlungen anzusiedeln, übrigens meist hübsch nach Nationalitäten getrennt. Es gab dann einen Italienerblock, einen Jugoslawen-Block, einen Türken-Block, usw. Staatlich geförderte Parallelgesellschaften, sozusagen. Gegen die hatte man damals nicht so viel, die sollten ja eh alle zurückgehen.

Es gibt übrigens immer noch einige Migrationsforscher, die Parallelgesellschaften für ein notwendiges Übergangsstadium halten, die der Aufnahmegesellschaft viel Arbeit abnehmen. Sie lindern nicht nur das Heimweh, sie helfen auch bei der ersten Orientierung, bei der Überwindung der zahlreichen bürokratischen Hürden, bei den tausend Fragen, die sich einem Neuankömmling zwangsläufig stellen (Wo muss ich mich anmelden? Wo muss ich das Kind für die Schule anmelden? Wie findet man hier einen Job, eine Wohnung, das richtige Straßenbahnticket…).

Bei den Italienern übernahmen diese Funktion entweder die Kirchengemeinden (Missioni cattoliche italiane) oder Gewerkschaftszirkel verschiedenster Coleur. Hier traf man Leute, die sich auskannten und einem weiterhelfen konnten. Hier gab es ordentlichen Kaffee (nicht die deutsche Plörre) und Kartenspiele, wie man sie von zuhause kannte.

Abgesehen von den guten Jobs und der guten Bezahlung fanden es die meisten hier nämlich ziemlich furchtbar: Das Wetter, das Essen, die Leute – alles so kalt, ungenießbar, griesgrämig.

Irgendwann begannen aber die ersten wegzuziehen. Man konnte sich das jetzt leisten. In bessere Viertel, hübschere Wohnungen, manche bauten sogar eigene Häuser. Die Rückkehrpläne wurden immer weiter aufgeschoben (auf die Rente, vielleicht). Es wurde nicht mehr jeder Pfennig gespart. Die Häuschen standen in den Dörfern im Umland, wo das Bauland noch erschwinglich war. Und so taten sie, was Italiener immer tun: Sie arrangierten sich. Mit den deutschen Arbeitskollegen, den deutschen Nachbarn, sogar dem deutschen Vereinswesen – so übel waren die bei näherer Betrachtung dann wohl doch nicht. Irgendwann gab es dann auch das ein oder andere Wesen des anderen Geschlechts, das gar nicht so griesgrämig, kaltherzig und hochnäsig daher kam. Die „Mischehen“ häuften sich. Die Kinder sprechen besser deutsch als italienisch.

Als Italiener verstehen sich die meisten trotzdem noch. Das ist irgendwie sexier, das macht mehr her. Und wenn sie nach Italien fahren, ist drei Tage lang alles besser: Das Wetter, das Essen, die Menschen. Dann fangen sie an, sich über die Dinge aufzuregen, die nicht so funktionieren, wie sie das aus Deutschland gewohnt sind.

Die Müllabfuhr. Der Verfall der öffentlichen Straßen und Plätze. Die gelegentlichen Unterbrechungen in der Strom- und Wasserversorgung. Die Tatsache, dass die Polizei nicht einmal rauskommt, um die Beule am Mietwagen in Augenschein zu nehmen. Oder dass es gar kein Unwetter braucht, damit die Straßen einen halben Meter unter Wasser stehen, normaler Regen reicht völlig. Oder dass dieses chronisch korrupte und faule Beamtenpack die Wartenummer in deiner Hand ignoriert und ganz selbstverständlich die eigenen Bekannten vorzieht, mit denen man dann auch noch ein ausgiebiges Schwätzchen hält, während du anstehst wie ein Depp. Die Notaufnahme, in der angeblich schon wieder jemand beim Warten gestorben ist. Und ganz ehrlich, dieses Bier…

Sie haben immer noch nicht die Nationalhymne und das Grundgesetz auswendig gelernt. Sie sind genau so lange Fans der deutschen Nationalmannschaft bis diese gegen Italien spielt. Und trotzdem: Sie wissen zu schätzen, was man hier hat. Die Möglichkeit ein gutes Leben zu führen nämlich.Und ja: Ich befürchte, sie wären bereit, es mit Waffengewalt zu verteidigen, wenn sie das Gefühl hätten, es würde ernsthaft bedroht.

Wichtiger ist: Heimlich, still und leise hat sich ihr inneres Koordinatensystem neu justiert. Was man für „normal“ und „richtig“ und „anständig“ hält, was man von einem Staat erwarten darf und was nicht – das sind die Punkte, in denen sie sich deutschen Mentalitäten sehr viel stärker angenähert haben, als sie das selbst für möglich gehalten hätten.

Und das ist auch schon das ganze Geheimnis gelingender Integration: In dem Moment, in dem eine Gesellschaft, den Neuankömmlingen eine Perspektive bietet, ein – und sei noch so vages – Versprechen auf sozialen Aufstieg und Kinder, die es einmal besser haben, vollzieht sich die Anpassung ganz von allein, weil alles andere diesem Ziel untergeordnet wird. Bietet sich diese Perspektive nicht, bleibt man in der Parallelgesellschaft stecken. Jeder Mensch möchte irgendwo dazu gehören, Anerkennung erfahren. Wer das hier nicht bekommt, sucht sie da, wo sie früher herkam. Da, wo man noch jemand ist.

Bekenntnisse, feierliche Eide oder Schwüre einzufordern auf eine freiheitlich-demokratische Grundordnung, eine deutsche Leitkultur oder Wertegemeinschaft – kann man machen. Pragmatisch wie sie sind, hätten sie auch das wahrscheinlich über sich ergehen lassen, die Finger gekreuzt und vaffanculo gemurmelt. Geändert hätte das aber erst einmal nichts, jedenfalls nicht an ihrer Auffassung, dass Deutsche eben seltsam sind. Ihre Überzeugungskraft entfaltet die deutsche Kultur ganz offensichtlich erst mit der Zeit. Und die hat viel damit zu tun, dass Dinge hier eben verdammt nochmal besser funktionieren als anderswo.

Aber das möchten die Pseudo-Patrioten von AfD und Pegida natürlich nicht so gern hören. Das würde ja ihre Abendland-Untergangs-Phantasien stören und das Märchen vom dysfunktionalen Staat. Und das wäre ja zu schade, wo man sich doch gerade erst in das Gefühl verliebt hat, es gäbe endlich einmal eine entscheidende Schlacht zu schlagen – in einem Leben, in dem sonst nichts passiert.

Zeitgefüge

Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich einen Großteil meiner Tage damit verbringen „Los jetzt“ und ähnliche Dinge zu sagen. Unsere Kinder befinden sich noch immer in der seligen Phase, in der das, was sie gerade tun, die wichtigste Sache der Welt ist, in der der Ort, an dem sie sich gerade befinden, der einzig richtige ist. Alles andere erscheint ihnen farblos, reizlos, befindet sich irgendwo dahinten im Nebel.

Der Mann und ich arbeiten mit allen Tricks und ziehen alle Register: Drohungen („wenn du dich jetzt nicht anziehst, setze ich dich im Schlafanzug in den Schulbus“), Belohnungen („wenn du jetzt schnell machst, können wir noch der Müllabfuhr zugucken“), emotionale Erpressung („Willst Du, dass die Mama schon wieder Mecker kriegt auf der Arbeit?“) und ja, ja, in schwachen Momenten brüllen wir sie auch manchmal an.

Alles , um sie zu tauglichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen, Menschen, die planvoll vorgehen, einen Begriff von Zukunft haben, Bedürfnisse aufschieben können, in to-Do-Listen denken.

Und bei der nächsten Gelegenheit buche ich dann mal wieder einen Meditations-, Yoga- oder Achtsamkeitskurs und blicke auf Postkartenbildchen und Kalendersprüche, mit so einem fetten, grinsenden Buddha, der mich ermahnt, mehr in der Gegenwart zu leben, im Hier und Jetzt und so.

Code Black

Jede Familie hat ihre Codes. Zur Redewendung geronnene Anekdoten oder Versprecher, die im Idealfall nur Eingeweihte verstehen. Eine der schönsten Wortschöpfungen meiner Söhne ist das Verb „batterieren“. Damit pflegen sie nicht funktionierendes Spielzeug zum Arbeitszimmer des Mannes zu schleppen: „Papa, kannst du das batterieren“ heißt eben: reparieren oder Batterie wechseln, schietegal, mach‘ einfach, dass es wieder geht.

In meiner Herkunftsfamilie gab es den Code „Dies ist ein Papa-ich-hab-dich-lieb-Anruf“. Den hat meine Schwester erfunden. Wenn man zuhause anrief und sagte „Dies ist ein Papa-ich-hab-dich-lieb-Anruf“ war das die Kurzformel für „hier ist es kalt und regnet, ich bin müde, die letzte Bahn ist weg, hier lungern komische Typen rum, ich mag nicht mehr, komm und hol mich ab“. Und bis weit in ein Alter, in dem man eigentlich schon als erwachsen gilt, lebten wir in dem Bewusstsein, dass es reichte diesen Satz ins Telefon zu sprechen – egal um welche Uhrzeit und egal an welchem Ort – und Papa würde kaum mehr fragen als „wo bist du denn?“ und dabei brummelnd in die Hose steigen und nach dem Autoschlüssel greifen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es vielleicht klingt. Denn erstens wussten wir ganz genau, dass es Väter gab, die man um so etwas lieber nicht bat, und zweitens war er ja eigentlich auch „nur“ unser Stiefpapa.

Als er zu uns kam, waren wir schon pubertierende Nervensägen und eigentlich wissen wir bis heute nicht, wie er das ausgehalten hat, in diesem Drei-Weiber-Haushalt voller Überempfindlichkeiten und emotionaler Ausbrüche, voller Gekreisch und Geheule und Türknallen. Also, so ganz ohne biologische grundierte Bindung und Erinnerungen daran, dass diese Kinder ja auch mal niedlich waren. Natürlich hatte er genauso viele dämliche Ansichten, nervtötende Marotten und bescheuerte Angewohnheiten wie jeder andere Vater. Aber er war auf eine Art und Weise für uns da, die wir vorher nicht kannten.

Er war derjenige, der mich nochmal von der Arbeit aus anrief als ich zuhause meiner mündlichen Abiprüfung entgegen zitterte. Derjenige, der mich mit Stolz geschwellter Brust zum Altar führte. Derjenige, der nach der Geburt meiner Söhne ins Krankenhaus gerast kam.

Als Opa war er ein Geschenk. Nie will ich die Begeisterung, das Entzücken und Staunen vergessen mit dem er auf seine Enkel blickte. Selbst zu einem Zeitpunkt, an dem er darüber verbitterte, dass sein Körper nicht mehr so konnte wie er wollte, war er für sie der Allergrößte. Dazu brauchte es keine spektakulären Aktionen oder Ausflüge, es reichte dies: Mit Opa in Töpfen und Pfannen zu rühren, die Fische zu füttern, Gemüse zu ernten, den Garten zu gießen, Holz zu machen, den Kamin anzufeuern. Nachvollziehbare Handlungen nennt die Kinderpsychologen/Pädagogen-Fraktion das. Also im Gegensatz zu all diesen anderen Erwachsenen in ihrem Leben, die dauernd auf Smartphones oder Computerbildschirme glotzen, auf Tastaturen einhacken, in bedrucktem Papier herumblättern und unverständliche Gespräche führen und von nachvollziehbaren Handlungen, die mit Haushalt zu tun haben, ziemlich schnell ziemlich schlechte Laune bekommen. Mit welchem Eifer, welcher Inbrunst und welcher Ausdauer sie neben ihm herstapften.

Und ich sehe ihn da immer noch sitzen, am Frühstückstisch, am Kopfende, mit der Gelassenheit eines alten Silberrückens, wie die Jungs auf ihm herumturnten, kreischend vor Vergnügen und knufften und bufften. Seine massige Gestalt ächzend vor dem Gästebett auf dem Boden knien, weil der kleine Mann beschlossen hatte, sich – wenn überhaupt – nur vom Opa die stinkende Windel wechseln zu lassen. Die winzigen Playmobil-Teile in seinen riesigen Pranken. Das gemeinsame Tierfilme gucken. Und das abendliche Geschichten erzählen, wildestes Jägerlatein, bis der Hals kratzte und die Stimme versagte und um nichts in der Welt wären sie dabei eingeschlafen. Woher diese Geduld wohl plötzlich kam.

Überhaupt: Wie schnell diese dämlichen, angelesenen Weisheiten der Kinderlosen, die in manchen Konversationen auftauchten („muss man mal konsequent sein“, „Grenzen setzen“, „kleine Tyrannen“) von ihm abfielen und dem halb amüsierten, halb respektvollem Staunen wichen angesichts der manchmal unvermuteten emotionalen Ausbrüche und der brachialen Energie, die von so einem Kleinkind ausgehen konnte. Und wie er dann neben dem bockenden, schmollenden Kind auf der kalten Treppe hockte. „Sag‘ mal, kleiner Kumpel, was war jetzt das?“ Und welche Wunder das bewirken kann, wenn da ein Erwachsener einfach mal fragt, statt dem Kind immer schon fertige Antworten um die Ohren zu klatschen. Und plötzlich kann das Kind „Entschuldigung“ und „Es tut mir leid“ sagen.

Nun bist Du schon fast ein Jahr nicht mehr da. Und immer noch fühlt es sich falsch an, dass dieses Leben einfach so weiter geht. Irgendwie haben wir diese tausend ersten Male ohne Dich überstanden, aber ich habe meine Zweifel, dass das zweite Weihnachten ohne Dich weniger schmerzhaft wird als das erste. Für den älteren Deiner beiden Enkel ist der Satz „Ich vermisse Opa“ zur Chiffre geworden für alles, was scheiße ist im Leben. Der Satz kommt, todsicher, wann immer er sich unwohl, müde, erschöpft, traurig oder unverstanden fühlt. Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll. Außer „ich auch“.

Dies ist ein „Papa, ich-hab‘-Dich-lieb – Anruf“.

Das Experiment, Teil 2

Zum 1. Teil bitte hier entlang.

Und so ging es weiter:

9.10 Uhr: Ich fahre den Rechner hoch. 41 E-Mails. 32 Bilddateien und 33 Texte plus Infokästen warten auf Bearbeitung. Fix nach Dringlichkeit sortieren, to-do-Liste erstellen, stumpf durcharbeiten. Go.

Das Spiel der Wahl heißt Geo-Leopard. Das ist ein Fantasietier, das Kamikazekid1 erfunden hat. Erwachsene verblüfft er gern mit lexikonartigen Vorträgen darüber („Der ist ein Allesfresser, also auch Fleischfresser. Er kann zwanzig Minuten tauchen. Und fünfzig Kilometer schnell rennen. Er hat Flughäute…). Wenn ich das richtig verstanden habe, lebt das Vieh eigentlich im Dschungel und klettert auf Bäume. Hier bei uns wohnt er aber in einer Höhle. Die muss unbedingt aus Sofakissen gebaut werden. Wir haben nämlich so eine Sofalandschaft mit dicken Kissen als Rückenlehnen. Seit wir Kinder haben, liegen diese Kissen nur noch sehr selten an ihrem angestammten Platz. Erst dienten sie dazu, einen Säugling am herunterkullern zu hindern. Dann als Reittier, Boot, Schlitten oder Wurfgeschoss. Jetzt als Höhlenbaumaterial. Damit Sie sich das besser vorstellen können:

dieSofahöhle

So nämlich. Der Höhlenbau beschäftigt meine beiden Geo-Leoparden satte 23 Minuten lang. Das reicht um den Posteingang durchzusortieren und die ersten drei Mails zu beantworten. Geht doch, denke ich. Mein Schreibtisch steht zwar im selben Zimmer, aber ich lasse mich fast gar nicht ablenken.

Dann gibt es das erste Mißverständnis in der Geo-Leoparden-Kommunikation. Offenbar hat der Baby Geo-Leopard (Kamikazekid2) die komplexe Architektur des Höhlensystems nicht verstanden und den falschen Eingang gewählt. Ein schrilles „Neeeeinnn. Doch nicht so“ vom Papa Geo-Leopard (Kamikazekid1). Baby Geo-Leopard versucht sich hartnäckig weiter am falschen Eingang.“Nein! Nein! Nein! Nicht so!“

Die Glucke in mir weiß, was jetzt kommt und zuckt. Nein, befehle ich mir. Heute nicht. Du arbeitest jetzt. Du springst nicht dazwischen. Sollen die das doch selber regeln.

Papa Geo-Leopard schlägt erst, kratzt dann und zerrt das unwillige Jungtier schließlich an Haaren und Kragen zurück. Das Junge lässt ein markerschütterndes Geheul ertönen. Und wirft einen fassungslosen Blick in meine Richtung. Papa Geo-Leopard lenkt erschrocken ein und wirft eilig mit Entschuldigung! Entschuldigung! um sich. Das Geo-Leoparden-Baby denkt nicht daran, deshalb sein Geheul einzustellen, im Gegenteil. Es guckt noch einmal zu mir, wirft den Kopf in den Nacken und legt fünf Dezibel drauf. Papa Geo-Leopard reißt ihn am rechten Ohr zu sich und brüllt „ENT-SCHUL-DI-GUNG!!!“ hinein. „Ich wollte doch nur sagen, Du musst da lang, Baby, da lang“, versucht er es dann überraschenderweise mit sanften Tönen und streicht dem Bruder über den Rücken. „Da, siehst du? Komm schon.“ Das Baby jault noch einmal auf. Guckt wieder zu mir. Sieht, das ich weiter auf den Bildschirm starre. Zuckt die Achsel und sagt mit ganz normaler Stimme: „Na duuut.“ Und kriecht in die Höhle.

Ich atme endlich aus, versuche die Schultern wieder locker zu lassen und mache mich an die Beantwortung der nächsten E-Mail. Noch 37 E-Mails, 32 Bilddateien und 33 Texte plus Infokästen für die verdammte Beilage. Aber es ist ja auch erst 10 Uhr.

Fortsetzung folgt.