Code Black

Jede Familie hat ihre Codes. Zur Redewendung geronnene Anekdoten oder Versprecher, die im Idealfall nur Eingeweihte verstehen. Eine der schönsten Wortschöpfungen meiner Söhne ist das Verb „batterieren“. Damit pflegen sie nicht funktionierendes Spielzeug zum Arbeitszimmer des Mannes zu schleppen: „Papa, kannst du das batterieren“ heißt eben: reparieren oder Batterie wechseln, schietegal, mach‘ einfach, dass es wieder geht.

In meiner Herkunftsfamilie gab es den Code „Dies ist ein Papa-ich-hab-dich-lieb-Anruf“. Den hat meine Schwester erfunden. Wenn man zuhause anrief und sagte „Dies ist ein Papa-ich-hab-dich-lieb-Anruf“ war das die Kurzformel für „hier ist es kalt und regnet, ich bin müde, die letzte Bahn ist weg, hier lungern komische Typen rum, ich mag nicht mehr, komm und hol mich ab“. Und bis weit in ein Alter, in dem man eigentlich schon als erwachsen gilt, lebten wir in dem Bewusstsein, dass es reichte diesen Satz ins Telefon zu sprechen – egal um welche Uhrzeit und egal an welchem Ort – und Papa würde kaum mehr fragen als „wo bist du denn?“ und dabei brummelnd in die Hose steigen und nach dem Autoschlüssel greifen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es vielleicht klingt. Denn erstens wussten wir ganz genau, dass es Väter gab, die man um so etwas lieber nicht bat, und zweitens war er ja eigentlich auch „nur“ unser Stiefpapa.

Als er zu uns kam, waren wir schon pubertierende Nervensägen und eigentlich wissen wir bis heute nicht, wie er das ausgehalten hat, in diesem Drei-Weiber-Haushalt voller Überempfindlichkeiten und emotionaler Ausbrüche, voller Gekreisch und Geheule und Türknallen. Also, so ganz ohne biologische grundierte Bindung und Erinnerungen daran, dass diese Kinder ja auch mal niedlich waren. Natürlich hatte er genauso viele dämliche Ansichten, nervtötende Marotten und bescheuerte Angewohnheiten wie jeder andere Vater. Aber er war auf eine Art und Weise für uns da, die wir vorher nicht kannten.

Er war derjenige, der mich nochmal von der Arbeit aus anrief als ich zuhause meiner mündlichen Abiprüfung entgegen zitterte. Derjenige, der mich mit Stolz geschwellter Brust zum Altar führte. Derjenige, der nach der Geburt meiner Söhne ins Krankenhaus gerast kam.

Als Opa war er ein Geschenk. Nie will ich die Begeisterung, das Entzücken und Staunen vergessen mit dem er auf seine Enkel blickte. Selbst zu einem Zeitpunkt, an dem er darüber verbitterte, dass sein Körper nicht mehr so konnte wie er wollte, war er für sie der Allergrößte. Dazu brauchte es keine spektakulären Aktionen oder Ausflüge, es reichte dies: Mit Opa in Töpfen und Pfannen zu rühren, die Fische zu füttern, Gemüse zu ernten, den Garten zu gießen, Holz zu machen, den Kamin anzufeuern. Nachvollziehbare Handlungen nennt die Kinderpsychologen/Pädagogen-Fraktion das. Also im Gegensatz zu all diesen anderen Erwachsenen in ihrem Leben, die dauernd auf Smartphones oder Computerbildschirme glotzen, auf Tastaturen einhacken, in bedrucktem Papier herumblättern und unverständliche Gespräche führen und von nachvollziehbaren Handlungen, die mit Haushalt zu tun haben, ziemlich schnell ziemlich schlechte Laune bekommen. Mit welchem Eifer, welcher Inbrunst und welcher Ausdauer sie neben ihm herstapften.

Und ich sehe ihn da immer noch sitzen, am Frühstückstisch, am Kopfende, mit der Gelassenheit eines alten Silberrückens, wie die Jungs auf ihm herumturnten, kreischend vor Vergnügen und knufften und bufften. Seine massige Gestalt ächzend vor dem Gästebett auf dem Boden knien, weil der kleine Mann beschlossen hatte, sich – wenn überhaupt – nur vom Opa die stinkende Windel wechseln zu lassen. Die winzigen Playmobil-Teile in seinen riesigen Pranken. Das gemeinsame Tierfilme gucken. Und das abendliche Geschichten erzählen, wildestes Jägerlatein, bis der Hals kratzte und die Stimme versagte und um nichts in der Welt wären sie dabei eingeschlafen. Woher diese Geduld wohl plötzlich kam.

Überhaupt: Wie schnell diese dämlichen, angelesenen Weisheiten der Kinderlosen, die in manchen Konversationen auftauchten („muss man mal konsequent sein“, „Grenzen setzen“, „kleine Tyrannen“) von ihm abfielen und dem halb amüsierten, halb respektvollem Staunen wichen angesichts der manchmal unvermuteten emotionalen Ausbrüche und der brachialen Energie, die von so einem Kleinkind ausgehen konnte. Und wie er dann neben dem bockenden, schmollenden Kind auf der kalten Treppe hockte. „Sag‘ mal, kleiner Kumpel, was war jetzt das?“ Und welche Wunder das bewirken kann, wenn da ein Erwachsener einfach mal fragt, statt dem Kind immer schon fertige Antworten um die Ohren zu klatschen. Und plötzlich kann das Kind „Entschuldigung“ und „Es tut mir leid“ sagen.

Nun bist Du schon fast ein Jahr nicht mehr da. Und immer noch fühlt es sich falsch an, dass dieses Leben einfach so weiter geht. Irgendwie haben wir diese tausend ersten Male ohne Dich überstanden, aber ich habe meine Zweifel, dass das zweite Weihnachten ohne Dich weniger schmerzhaft wird als das erste. Für den älteren Deiner beiden Enkel ist der Satz „Ich vermisse Opa“ zur Chiffre geworden für alles, was scheiße ist im Leben. Der Satz kommt, todsicher, wann immer er sich unwohl, müde, erschöpft, traurig oder unverstanden fühlt. Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll. Außer „ich auch“.

Dies ist ein „Papa, ich-hab‘-Dich-lieb – Anruf“.

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