Schlechte Eltern

Ich musste an die M. denken, mit ihren drei Kindern. Sie arbeitete im Supermarkt. Früh- und Mittelschicht. Wenn sie Frühschicht hatte, musste sie um 6 Uhr los, Waren einräumen, Teiglinge in den Ofen schieben, solche Sachen. Damit alles bereit war, wenn um 7 Uhr geöffnet wurde. Bevor sie ging, weckte sie den Großen, der musste dann dafür sorgen, dass das Grundschulkind rechtzeitig an der Bushaltestelle stand und alles dabei hatte, den Kleinen in die Kita bringen, die erst um 7.30 Uhr aufmachte und mit dem Fahrrad zum Berufskolleg fahren. Wenigstens war sie dann mittags da. Wenn sie Mittelschicht hatte nicht, dann holte der Große den Kleinen aus der Kita, sammelte den Mittleren an der Haltestelle ein und machte das Essen warm. Natürlich bedeutete das, dass sie mindestens eine Mahlzeit vor dem Fernseher einnahmen – entweder morgens oder mittags. Sie hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Aber noch mehr Angst hatte sie davor, was die Jungs allein in der Wohnung anrichten würden, wenn sie nicht fernsahen. Und sie musste ja dankbar sein, dass man sie wenigstens nicht zwang, Spätschicht zu arbeiten, bis 22 Uhr. Denn das hatte sie sich geschworen: Nachts alleine sein oder auch nur alleine einschlafen müssen, das sollten ihre Kinder nicht. Sie hatte das als Kind immer so gruselig gefunden.

Oder die V., Teenie-Mutter, beschissene Kindheit im Nacken und von rührender Entschlossenheit alles besser zu machen. Sie war auch mal mit dem Kleinen im Museum gewesen. Sie hatte sogar die Kleine von nebenan mitgenommen. Die Straßenbahnfahrt und der Eintritt kosteten natürlich ziemlich viel Geld, sie würde das woanders wieder einsparen müssen, aber das ging schon irgendwie. Für einen Imbiss oder ein Andenken aus dem Museumsshop reichte es dann nicht mehr, aber ihr Kleiner verstand den Satz „dafür hat Mama kein Geld“ schon ganz gut, Chantal hatte mehr Theater gemacht. Es hatte sich aus anderen Gründen komisch angefühlt da zu sein. Gleich am Anfang hatte eine dieser Wärterinnen oder wie die hießen, sie angemacht, weil sie es versäumt hatte, die Jacken und Taschen einzuschließen. Sie hatte sich über den unverschämten Tonfall geärgert, aber nichts sagen können. Sie hatte das Gefühl, dass die anderen Mütter sie abschätzig ansahen. Wahrscheinlich sahen die sofort, dass die Kinder Kik-Klamotten trugen. Sie waren ja auch so aufgeregt und natürlich viel zu laut. Wenn sie etwas fragten, versuchte V. die Schilder zu entziffern, sie las langsam und stockend und verstand selbst nicht alles, murmelte möglichst leise Erklärungen, um sich nicht zu blamieren. Die Mütter mit den schicken Kindern waren ganz anders. Die hatten Tupperdosen und Reiswaffeln und wiederholten laut, was ihre Kinder sagten. Die wussten auch schon viel mehr. Waren bestimmt nicht zum ersten Mal da. Und benahmen sich als gehörten sie da hin. V. hatte ganz und gar nicht das Gefühl dahin zu gehören. Man braucht auch echt kein Abitur um die Blicke zu verstehen, die sie ihr zuwarfen als sie Chantal und Justin zu sich rief. Es war genauso wie mit der selbstgemachten Pizza und den Brettspielen und all diesen anderen Dingen, zu denen sie die Familienhelferin ermuntert hatte. Alles fühlte sich seltsam an. Eckig und krampfig. Und wen der Kleine sich darauf nicht einlassen mochte und überhaupt nicht so reagierte wie vorgesehen, ließ sie diese Dinge auch schnell wieder sein und dachte bei sich: „Wir sind halt nicht so“ oder „mit meinem Kind geht das nicht“. Dieses Museumsding kam für sie gleich nach Zahnarzt, aber sie war stolz das gemacht zu haben.

Und dann die C.s. Die sich immer so viel Mühe gaben, ihre Schichtpläne aufeinander abzustimmen, damit immer einer bei den Kindern sein konnte. Weil der Onkel auch noch da wohnte und auch Schicht arbeitete, bedeutete das allerdings auch, das immer irgendeiner da war, der gerade schlafen musste. Die Wohnung war klein, kaum Platz zum Ausweichen, also mussten die Kinder leise spielen. Auf den Spielplatz ließ die Mama sie ungern, da hingen immer irgendwelche Jugendlichen rum, tranken Bier und rauchten. Weg konnte sie mit ihnen auch nicht, sie musste schließlich noch den Haushalt machen. Und den ewigen Krieg um die Hausaufgaben führen. Mit allen Mitteln: Vorträge halten, jammern, schreien, drohen. Nicht das sie irgendetwas verstand, von dem was die Kinder da taten. Sie war in der Türkei nur vier Jahre zur Schule gegangen. Sie wusste nur: Das war wichtig. Was sie ihren Kindern so ganz nebenbei allerdings auch beibrachte war: Das Hausaufgaben scheiße sind und Lernen keinen Spaß macht. Sie würden damit aufhören, sobald sie alt genug waren, die Schule zu verlassen.

Und dann war da noch etwas anderes, in diesen Familien. Nicht immer, aber oft. Eine seltsame Art von Sprachlosigkeit, sobald es um sie selbst ging. Eskimos, sagt man, haben x Wörter für Schnee. Das ist wohl ein Mythos, kommt uns aber plausibel vor, weil für Dinge, die im eigenen Leben wichtig sind, hat man eben auch mehr Ausdrücke. Mir scheint das andersherum genauso. Es gibt Familien, die sind es – oft seit mehr als einer Generation – gewöhnt, dass ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche sowieso keine Geige spielen. Irgendwann haben sie kaum noch eine Sprache dafür. Wer aber seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche nicht ausdrücken kann, der hat auch Schwierigkeiten sie bei anderen zu sehen, zu besprechen und einzusortieren – selbst bei den eigenen Kindern. Und weil sich in solchen Familien die Katastrophen immer knubbeln und sammeln (Arbeitslosigkeit, Trennungen, schwere Krankheiten, Unfälle, you name it), entwickeln sie eine seltsame Haltung, so ein nimm-was-de-kriegst, bevor der nächste Nackenschlag kommt oder der nächste Knüppel zwischen die Beine. Es gibt da nicht so furchtbar viel Zuversicht. Und auch kein großes Vertrauen in sich oder die eigenen Fähigkeiten.

Und dann kommt so jemand aus einer privilegierten Mittelschichtsexistenz und sagt: Ihr müsst euch halt einfach mal mehr Mühe geben. Mal den Fernseher ausmachen. Ein Dinkelbrot backen. Mehr mit euren Kindern reden. Pardon, Melancholie Modeste, ich schätze ihren Blog sonst sehr, aber das fand ich schwer daneben.

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Hat Ihnen schon jemand die Kantine gezeigt?

Immer wenn mich – wie jetzt gerade – in einer neuen Arbeitsumgebung wiederfinde, muss ich an meine liebe Ex-Kollegin Nancy denken. Nancy, gebürtige Amerikanerin, konnte sich stundenlang darüber aufregen, dass Deutsche viel ineffizienter seien, als sie es sich je hätte träumen lassen. Weil es in diesem Land nämlich keine brauchbare Kultur des „training on the job“ gäbe. Etliche Semesterferien als Zeitarbeiterin haben mir gezeigt, dass sie recht hat. Der erste Tag in einem durchschnittlichen deutschen Unternehmen sieht etwa so aus.

„Guten Tag, meine Name ist XX von der Firma XX, ich soll mich hier bei Herrn MüllerMeierSchulze melden.“

„Ist nicht da/in einer Besprechung.“

„Gut, dann warte ich hier.“ (Ich werde ja nach Stunden bezahlt.)

Irgendwann kommt MüllerMeierSchulze. Guckt abschätzig. „Ach, das war heute?“

„…“

„Tja. Weiß ich jetzt auch nicht. Hab gar keinen Platz für Sie. Ach, warten Sie, Sie können sich erstmal da hinsetzen. Der Kollege hat Magen-Darm, der kommt diese Woche bestimmt nicht mehr.“

An den zugemüllten Schreibtisch setzen. Krempel des Kollegen vorsichtig beiseite schieben. Rechner hochfahren. „Wie soll ich mich einloggen?“

MüllerMeierSchulze erstarrt. „Ach so. Da müssen wir ja erstmal ein Passwort beantragen. Ich rufe mal die IT an.“ Wählt eine interne Nummer.

„Besetzt. Tja. Da kann ich jetzt auch nichts machen. Hat Ihnen schon jemand die Kantine gezeigt? Nicht? Inge, mach Du das mal. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr für sowas.“

Den Rest des Tages verbringt man dann in der Regel damit, herauszufinden, worin eigentlich der Arbeitsauftrag besteht, die dazu nötigen Kenntnisse aus unwirschen Kollegen herauszukitzeln und ihnen dabei immer wieder zu signalisieren, dass man selbstverständlich merkt, dass sie eigentlich unheimlich beschäftigt sind und einem hier gerade einen Riesengefallen tun.

Ein einziges, total unrepräsentatives Mal habe ich für eine amerikanische Firma gearbeitet. Da lief das so:

Eine Woche vorher kommt per Post eine Firmenbroschüre, eine Auftragsbeschreibung und eine Liste mit Unternehmensregeln inklusive Hinweise zum Dresscode. OK, es war auch eine selten dämlich Sicherheitsabfrage dabei, in der u.a. gefragt wurde, wie viele Leute man kenne, die freitags eine Moschee aufsuchen und ob jemand davon zufällig Bin Laden mit Nachnamen heißt. Aber die Amis fragen bei der Einreise ja auch, ob man vorhabe, terroristische Attentate auf ihren Präsidenten zu verüben.

Am ersten Tag holt mich jemand vom Empfang ab, führt mich durchs Haus und dann zu einem aufgeräumten, sauberen Schreibtisch. In der transparenten Schreibtischunterlagen liegen eine Kurzanweisung zu Bedienung der Telefonanlage, eine interne Telefonliste, die sogar aktuell ist und ein Klebezettel mit Nutzernamen und Passwort. Neben dem Monitor steht ein Ordner mit Guidelines zu geschäftlichen Vorgängen und die Handbücher der drei am meisten genutzten Programme. In einem Ablagekasten daneben liegen zu bearbeitende Fälle mit wachsendem Komplexitätsgrad, die die freundliche Mitarbeiterin, die sich den ganzen Tag nur um mich kümmert, einen nach dem anderen mit mir durchgeht. Ab dem nächsten Tag darf ich allein weiterarbeiten und sie schaut nur ab und zu vorbei, um zu fragen, ob ich klar komme. Leider endet der Auftrag eine Woche vorher als geplant, weil ich mit den Sachen zu schnell durch war.

Und die Moral von der Geschicht‘? Das Hire and Fire-Prinzip muss ich nicht unbedingt haben, aber so ein klitzekleines bisschen von diesem ganz pragmatischen Dies-und-Das erwarten wir von Dir und Das-und-dies tun wir, um Dich in den Stand zu versetzen, diese Erwartungen auch zu erfüllen – das wäre schon nett. Dabei geht es nicht nur um holprigen Einarbeitungsphasen – ich denke, das Ganze ist symptomatisch. Deutsche Arbeitgeber, deutsche Arbeitsstrukturen verabscheuen die Neuen wie das Neue, weil es den Betriebsablauf so furchtbar stört. Schon bei der Bewerberauswahl bevorzugt man Leute, die den gleichen Job vorher woanders gemacht haben. Quereinsteiger? Wiedereinsteiger nach der Familienphase? Igitt. Die muss man ja einarbeiten. Das schränkt die Auswahl ziemlich ein. Und hat am Ende ähnliche Folgen wie Inszest: Betriebsblindheit als Erbkrankheit.

Das Problem ist doch: Wie bringt man Leute dazu, auf Kommando kreativ und innovativ zu sein, wenn jede Abweichung vom Standardprogramm als unangenehm und unbedingt zu vermeiden wahrgenommen wird?