Ja, aber …. (Integration, Nachtrag)

Alles gar nicht vergleichbar, sagen viele. Syrer sind doch keine Italiener. Und dies hier nicht die 60er. Nun ja. Sicher sind die Bedingungen heute andere. Es gibt aber trotzdem ein paar Lektionen aus der Geschichte, die man vielleicht berücksichtigen sollte, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, wie Integration heute gelingen kann (also, wenn man denn ein Interesse daran hat, darüber nachzudenken – wenn nicht, ist eh wurscht).

Warnen möchte ich vor allem vor dem leichtfertigen Hantieren mit kulturellen Differenzen. Es gibt eine sehr schöne Studie von Doug Saunders (Mythos Überfremdung – der deutsche Untertitel ist leider blöd), in der er sehr eindrücklich zeigt, wie dieselben Argumentationsmuster immer wieder auftauchen.

Sie lauten etwa: Diese Einwanderer sind ganz anders als die vorherigen. Sie sind zu fremd, zu andersartig, nicht integrierbar. Ihre Loyalität gilt ihrer primitiven, abergläubischen Religion und nicht dem Staat und der Gesellschaft, die sie aufgenommen haben. Und diese Geburtenraten… Sie werden uns alle überrollen, bald stellen sie die Mehrheit.

Das hat man in den 1840er-Jahren über die irischen Einwanderer in England gesagt und erst recht über die osteuropäischen Juden, die zwischen 1870 und 1945 nach Westeuropa und in die USA emigrierten. Das Spiel wiederholte sich, als in den 1950er Jahren die Quote der katholischen Einwanderer (meist Iren und Italiener) in den USA stieg. Heute sagt man das über Muslime.

Es ist wirklich verblüffend, wenn man sich einmal anschaut wie sich die Debatten ähneln (bis hin zu den amerikanischen Feministinnen, die in den Katholiken eine Bedrohung ihrer emanzipatorischen Fortschritte witterten). Die Einwanderergruppen mögen sich unterscheiden, die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft nicht.

Die Muslime, die ich im Laufe des vergangenen Jahres kennengelernt habe, wollen nichts anderes als alle anderen Einwanderer vor ihnen: In Ruhe und Frieden ihr Leben leben. Sich einrichten, den Lebensunterhalt verdienen, Kinder großziehen.

Die entscheidende Frage wird also sein, ob die Integration über den Arbeitsmarkt gelingt. Über Industriejobs wie in den 60er und 70er Jahren wird das wohl kaum gehen. Der Dienstleistungs- und Gesundheitssektor hätten in meinen Augen noch erheblich Luft nach oben – aber natürlich haben wir hier das Problem, dass diese Bereiche in den letzten Jahren vor allem durch die Schaffung prekärer Arbeitsverhältnisse geglänzt haben. Fatal wäre es jedenfalls, wenn wir diese Menschen langfristig zu Hilfeempfängern degradieren würden. Dann ginge uns all das verloren, was sie mitbringen: die Energie, die Beharrlichkeit, das Improvisationstalent, das Gespür für Lücken und Nischen, die wir nicht einmal mehr sehen.Und dann wäre die Gefahr tatsächlich groß, dass sie sich nach anderen Quellen umschauen, die ihnen Halt, Identität, Stolz und Anerkennung bieten.

Mein Traum wäre ja, dass es diesen Einwanderern gelingt, die verkrusteten Strukturen ein klein wenig aufzuweichen: den Mangel an Mobilität zwischen verschiedenen Berufen, die Fixierung auf formale Qualifikationen statt einfach mal zu schauen, was einer kann, die endlos langen Ausbildungswege, der Mangel an Mut zum Unternehmertum (und sei es nur Kleinunternehmertum), der bürokratische Rigorismus. Ich wünschte wirklich, sie könnten hier so wirksam werden, wie die anderen Südländer vor ihnen, es in puncto Esskultur, Lockerheit, Lebensgenuß waren. Aber ich bin auch skeptisch. Es wird nicht leicht.

 

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Zeitgefüge

Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich einen Großteil meiner Tage damit verbringen „Los jetzt“ und ähnliche Dinge zu sagen. Unsere Kinder befinden sich noch immer in der seligen Phase, in der das, was sie gerade tun, die wichtigste Sache der Welt ist, in der der Ort, an dem sie sich gerade befinden, der einzig richtige ist. Alles andere erscheint ihnen farblos, reizlos, befindet sich irgendwo dahinten im Nebel.

Der Mann und ich arbeiten mit allen Tricks und ziehen alle Register: Drohungen („wenn du dich jetzt nicht anziehst, setze ich dich im Schlafanzug in den Schulbus“), Belohnungen („wenn du jetzt schnell machst, können wir noch der Müllabfuhr zugucken“), emotionale Erpressung („Willst Du, dass die Mama schon wieder Mecker kriegt auf der Arbeit?“) und ja, ja, in schwachen Momenten brüllen wir sie auch manchmal an.

Alles , um sie zu tauglichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen, Menschen, die planvoll vorgehen, einen Begriff von Zukunft haben, Bedürfnisse aufschieben können, in to-Do-Listen denken.

Und bei der nächsten Gelegenheit buche ich dann mal wieder einen Meditations-, Yoga- oder Achtsamkeitskurs und blicke auf Postkartenbildchen und Kalendersprüche, mit so einem fetten, grinsenden Buddha, der mich ermahnt, mehr in der Gegenwart zu leben, im Hier und Jetzt und so.

Tage wie dieser…

Es gibt so Tage. Kind1 wacht mit verklebten roten Augen auf. Kinderarzt. Ansteckende Bindehautentzündung, drei Tage keine Kita. Also Arbeit umorganisieren. Auf der To-Do-Liste blinken Deadlines. Der Firmen-Laptop spinnt. Und während ich noch überlege, ob ich jetzt schreien, heulen oder um mich schlagen soll, beginnt Kind2 zu quengeln. Fieberglänzende Augen, Ohr tut weh. Kinderarzt hat schon zu. Notdienst oder Drogen? Lautet jetzt die Frage. Entscheide mich für den Fiebersaft und den Kinderarztbesuch am nächsten Morgen. Im Autoradio singt einer „Wake me up when it’s all over“. Ach wär das schön.

Glücksforschung

Es gibt da diesen Moment morgens. Wenn Du das Patschen kleiner nackter Füße auf dem Laminat hörst und das Herz sendet diesen freudig-nervösen Doppelschlag den Brustkorb herauf und ein unwillkürliches Lächeln zuckt dir durchs schlafwarme Gesicht. Es fühlt sich wie Glück an. Es findet statt in diesem Bruchteil einer Minute, bevor es Dir gelingt die bleischweren Augenlider aufzustemmen, einen Blick auf den Wecker zu werfen und zu realisieren, dass es fünf Uhr zwei an einem Sonntagmorgen ist.

Und wenn Du dann später und noch müder die Nachbarn im Garten triffst, murmelst Du etwas von „fünf Uhr“ und „schreckliche Kinder“. Und wenn dann zufällig so ein Sozialwissenschaftler mit einem Fragebogen daher kommt, der herausfinden möchte, ob Kinder glücklich machen und Dich fragt, ob Du mit Deinem Leben insgesamt so zufrieden bist, dann wabbert in Deinem Kopf dieses Wort „Ausschlafen“ herum und vielleicht noch ein selbstmitleidiges „Ich habe doch auch die ganze Woche gearbeitet“ und ehe Du Dich versiehst, machst Du das Kreuzchen bei „geht so“ oder „eher nicht“.

Und dann nicken die Nachbarn und der Forscher und denken sich: Haben wir es doch gewußt. Das Leben mit Kindern macht gar nicht glücklich. Es ist einfach nur scheiße anstrengend und deshalb reden sich diese Deppen das nachher schön. Und Du zuckst ein bisschen unbehaglich die Achseln und denkst, na ja, kann schon sein, aber…. Aber das „aber“ formulierst Du lieber nicht, weil, wer will sich schon noch mehr zum Deppen machen, und hinstellen, und kitschiges Zeug labern, von Herzenshüpfern und zuckenden Mundwinkeln.

Und außerdem bist Du ja auch zu müde zum Diskutieren und das eine Kind brüllt vom Kletterbaum und das andere steuert mit einer Fuhre Matsch auf die Terassentür und das Wohnzimmer zu. Und Du zuckst wieder die Achseln und denkst, ach, glaubt doch, was ihr wollt. Aber bitte, legt mir nicht mehr diese blöden Artikel in die Timeline, ja?

Baumgarten reloaded

Ja, schon klar, dieser Talkshow-Unfall ist ’ne Woche alt und eigentlich schon durch, aber nachdem ich heute morgen im SZ-Feuilleton (leider nicht online) diesen wunderbar einseitigen Artikel „Spring doch“ von Alexander Gorkow über Katja Riemanns Talkshow-Martyrium und die Folgen gelesen habe, kann ich nicht mehr an mich halten.

Von vorne: Ich stieß bei dem Herrn Niggemeier auf den Gesprächsunfall und erinnerte mich sofort an eine eher uncharmante Begegnung mit dem Herrn Baumgarten –  zu einer Zeit, als er noch Morningman bei Antenne Niedersachsen war und seine Kollegen darüber lästerten, dass er zu jedem Moderatoren-Casting rannte, weil er unbedingt vor die Kamera wollte.

Heute morgen habe ich also den alten Text wieder vorgekramt. Der ist nicht unbedingt super und heute würde ich sowas anders schreiben, aber das verblüffende ist: Der Typ war echt schon immer so ein A…. Eher schlimmer.

Daschauher (Vorsicht länglich):

Der Morning-Man

Morning-Männer sind die neueste und wahrscheinlich übelste Erfindung des Radiozeitalters. […] Man setzt auf „personality“. Diese hier heißt Hinnerk. Auf der Homepage des Senders schaut er aus wie der feuchte Traum einer deutschen Hausfrau: blond, blauäugig, braungebrannt in „Schau mir in die Augen, Kleines“-Pose. Daneben ein Zwölf-Zeilen-Schmachtfetzen in Schulmädchenprosa – „Und ach, dieser Body….“. Am Telefon klingt er genauso aufgedreht wie in der Sendung.

Ich sehe ihm zu, wie er während der Sendung ungefähr zwanzigmal aus dem Studio rennt, Kaffee holen, dies holen, das holen, Hummeln im Hintern. Dafür rennen zur gleichen Zeit zwanzig andere Leute ins Studio rein und wieder raus. Dazwischen quäkt der Techniker über die Lautsprecheranlage: „Ey Alter, dein Head-Set ist kaputt. Du klingst Scheiße, Alter. Noch beschissener als sonst.“ „Komm Du mal rauf hier. Ich steck‘ Dir ’ne Flasche in den Arsch, dann kannst Du hier rumquieken“, röhrt es zurück – der klassische Guten Morgen mit Hineeeeerk Baumgarten-Charme. Der Techniker taucht tatsächlich auf, ohne Flasche, aber mit neuem Head-Set. Das muss er sofort büßen, quiekend schießt eine der Nachrichtentrinen über den Flur: „Jocheeem, wieso kriegt der ein neues Head-Set und ich nicht?“

Heino, der hauseigene Wetterfrosch ist auch da. Morgens gibt es schlechte Nachrichten noch live. Heino sieht aus wie ein Biobauer, verqualmt aber innerhalb kürzester Zeit eine ganze Tabakplantage. Beim Sprechen reißt er die Augen weit auf und hackt mit der Handkante die Betonungen in die Luft. Hinter ihm stehen sich der Tagesproducer und der Moderator der nächsten Sendung auf den Füßen rum. Die Ablösung will angekündigt sein. Routinierter Schlagabtausch zwischen den beiden Moderatoren, dann die Sensation der nächsten Stunde: Deutschlandpremiere von Geri Halliwells „Look at me“. „Das ist die fette Rothaarige von den Spice-Girls“, erklärt Stephan, der Tagesproducer noch hastig, „und pass auf, dass Du den Titel nicht zu früh anspielst, Punkt neun, Big Gema is watching you.“

Die Show is over. Mr. Nenn-mich-Hinnerk stiefelt erstmal zur Redaktionskonferenz, nicht ohne mir ein freundliches „Kannst ruhig ’nen Kaffee kochen“ zu zuraunen. Ich ziehe es vor, die obligatorische Pinnwand neben seinem Schreibtisch anzustarren. Die Pinnwand: Hinnerk mit Pamela-Anderson-Double, Hinnerk mit Helmut Schmidt, Hinnerk besoffen auf der Weihnachtsfeier, Hinnerk zum Ausschnippeln aus dem Anzeigenblatt, Fanpost für Hinnerk, „Hinnerk, Du bist der Größte“-Fax. Die wichtigsten Sprüche Dr. Hinnerk Baumgartens für die Morningshow: Arsch lecken zwei fuffzig, zum Beispiel. Auf dem Foto mit Helmut Schmidt sieht er aus wie ein zu groß geratener Konfirmand, der Anzug muss wohl geliehen sein. Und die scheußliche gelbe Krawatte hat ihm die Verkäuferin sicher mit dem Argument aufgeschwatzt, sie harmoniere mit seinen blonden Haaren.

Während unseres Interviews sitzt er nicht eine Minute lang still. Zappelt auf dem Stuhl herum, dreht ein kleines Kartenspiel in den Händen,, rappelt seinen Lebenslauf herunter. Ich wollte schon immer…., Praktika, freier Mitarbeiter, Volontariat, Studium geschmissen. Dann setzt man ihn als personalisierte Verjüngungskur in den Morgenstunden ein, der ältere Achim Wiese muss in den späteren Vormittag weichen. Kein Streß? Nein, nein, alles Teamwork, eine große Familie hier. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, wo er denn wohl in zehn Jahren sein wird. Zum ersten Mal zögert er mit der Antwort. „Fernsehen“, sagt er dann, „Gottschalk ablösen.“ Klar, denke ich, Pamela Anderson in den Ausschnitt fallen und zotige Witzchen erzählen. „Noch Fragen?“ Nö.

(zuerst erschienen im Welfengarten – Jahrbuch für Essayismus. Nr. 10 / 2000. Hrsg. v. L. Kreutzer und J. Peters, Revonnah Verlag, Hannover.)

Gute Vorsätze I

Ja, schon klar. War vielleicht keine richtig schlaue Idee dieses Blogdings ausgerechnet in dem Moment zu starten, in dem man nach Babypause No. 2 wieder arbeiten geht. Aber man glaubt ja naiverweise, es sei in diesen paar kinderfreien Stunden alles möglich, bloß weil einem grad mal keiner am Hosenbein zerrt und Mama schreit. Wie sich überhaupt ein Job, den man früher durchaus für stressig und anspruchsvoll hielt, plötzlich anfühlt wie Urlaub, nur weil er überwiegend am Schreibtisch zu verrichten ist. Die Stunden waren dann aber doch irgendwie zu kurz. Genauso wie die Tage. Und die Nächte. Aber als Mutter lernt man ja vergessen. Und grundlosen Optimismus. Und viel mehr Dinge in viel kürzerer Zeit zu tun. Also wird das hier bestimmt besser dies Jahr. Mit mehr von allem und in Farbe.